Die glückliche Entbindung einer 31-jährigen Patientin in der Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Klinikum der Universität München-Großhadern stellt eine Sensation dar. Vor knapp fünf Jahren war die Patientin an einer lebensbedrohlichen akuten myeloischen Leukämie (AML) erkrankt. Nach erfolgreicher Chemo- und Strahlentherapie sowie einer Knochenmarkstransplantation wurde die Patientin mit Hormonen behandelt. Die Eierstockfunktion konnte so über Monate hinweg wieder stabilisiert werden und die Frau wurde schließlich schwanger. Das Kind, ein 3020 Gramm schwerer Junge, kam am 11. August 2006 gesund zur Welt.

Die damals 26-jährige Frau erhielt aufgrund ihrer Leukämieerkrankung mehrere Zyklen einer hochdosierten Chemotherapie. Die große Gefahr eines Rückfalls jedoch blieb. Nach einer weiteren Chemotherapie und Ganzkörperbestrahlung entschloss sich das Ärzteteam um Professor Dr. Hans-Jochem Kolb, Leiter der Jose Carreras Transplantationseinheit in Großhadern, zu einer Stammzelltransplantation. Dabei bekam die Patientin nach Zerstörung von Knochenmark und Immunsystem die Stammzellen ihres jüngeren Bruders transplantiert. In den folgenden Wochen begann das Knochenmark des Bruders langsam rote und weiße Blutkörperchen zu bilden, das Blut- und Immunsystem des Mannes etablierte sich zunehmend im Körper der jungen Frau. Kontrolluntersuchungen zeigten, dass keine Reste der Leukämiezellen, sondern nur gesunde Blutzellen mit dem männlichen Chromosomensatz - also den Blutzellen des Bruders - zu finden waren.

"Diese Schwangerschaft ist eine der ersten nach Leukämie und Ganzkörperbestrahlung", betont Professor Dr. Christian J. Thaler, Leiter der Gynäkologischen Endokrinologie und Reproduktionsmedizin in Großhadern. "Offensichtlich toleriert das Immunsystem eines Mannes, in diesem Fall das des Stammzellspenders, ohne weiteres ein heranwachsendes Kind und die dazugehörige Plazenta." Selbst bei gesunden Frauen zählt eine inadäquate Immunreaktion gegen den Fötus immer wieder zu den möglichen Ursachen von Fehlgeburten oder sogar Kinderlosigkeit. Der erfolgreiche Verlauf der Schwangerschaft ist auch deshalb ausgesprochen glücklich, weil die Mediziner die heute bei Krebspatientinnen möglichen Vorsorgemaßnahmen damals noch nicht durchführen konnten. "Wir können dem Funktionsausfall der Eierstöcke durch Krebs-Therapien inzwischen wirksam mit einer hormonellen Schutzbehandlung vorbeugen, gegebenenfalls hilft auch das Einfrieren von Eizellen", erklärt Professor Thaler. Vor fünf Jahren war diese Behandlung zum Schutz der weiblichen Fruchtbarkeit noch nicht so weit fortgeschritten.

Es schien, als ob die Eierstöcke der Patientin durch die Leukämiebehandlung, insbesondere durch die Bestrahlung, funktionslos geworden waren. Daher erhielt sie am Klinikum der Universität München in Großhadern nach der Transplantation eine Hormonbehandlung, mit der die Eierstöcke wieder angeregt werden sollten. Im Laufe der folgenden Monate trat schließlich eine weitgehend regelmäßige Eierstocksfunktion ein. Als Anfang des Jahres 2006 die Periode erneut ausblieb, dachten die Ärzte zunächst an Eierstockversagen, doch die Untersuchungen bei Professor Thaler ergaben schnell ein anderes Ergebnis. Die ehemalige Krebspatientin war schwanger. Das Risiko für die Mutter selbst war kaum erhöht, etwas anders stellte sich die Situation aber für das ungeborene Leben dar: vor allem durch die Ganzkörperbestrahlung der Mutter war das Risiko für Chromosomenstörungen erhöht, und zwar auf etwa 6 Prozent. Sowohl die Ergebnisse einer Fruchtwasserpunktion wie auch sämtliche Ultraschalluntersuchungen ergaben jedoch völlig unauffällige Befunde. Die Schwangere wurde intensiv an der Frauenklinik in Großhadern unter Leitung von Professor Dr. Klaus Friese betreut, die Schwangerschaft verlief ohne Komplikationen.

Am 11. August 2006 wurde die junge Frau durch Professor Dr. Ernst-Rainer Weissenbacher in der Frauenklinik in Großhadern von einem kerngesunden, 3020 Gramm schweren Jungen entbunden. Mutter und Kind sind wohlauf. Professor Thaler sieht darin auch eine Bestätigung für ein bundesweites Netzwerk: "Dieser glückliche Verlauf ist ein großer Aufschwung für unser Netzwerk FertiProtekt - dem deutschlandweiten Zusammenschluss von Reproduktionsmedizinern deutscher Universitätsfrauenkliniken. Unser Ziel ist es, jungen Frauen auch nach einer Krebsbehandlung zu einer Schwangerschaft zu verhelfen. Besonders wichtig dabei ist, dass schon vor Chemo- und Strahlentherapie an Maßnahmen zu Erhaltung der Fruchtbarkeit gedacht wird." 

Ansprechpartner:
Prof. Dr. med. Christian J. Thaler
Leiter der Gynäkologischen Endokrinologie und Reproduktionsmedizin
Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe der LMU
München - Großhadern
81377 München
Tel: +49-89-7095-4588; 
Fax: +49-89-7095-7588; 
Mobil: 0170-4940540

Über das Klinikum der Universität München
Im Klinikum der Universität München werden an den Standorten Großhadern und Innenstadt jährlich rund 85.000 Patienten stationär und 371.000 Patienten ambulant behandelt. Die 44 Fachkliniken, Institute und Abteilungen verfügen über etwa 2.400 Betten. Von insgesamt 9000 Beschäftigten sind rund 1800 Mediziner. Jährlich finden zahlreiche medizinische und wissenschaftliche Kongresse und Tagungen, sowie Kurse und Informationsveranstaltungen für Patienten statt. Das Klinikum der Universität München zählt zu den größten Gesundheitseinrichtungen in Deutschland und hat im Jahr 2004 mehr als 52 Millionen Euro an Drittmitteln eingeworben. Seit 1. Juni 2006 ist das Klinikum der Universität München eine Anstalt des öffentlichen Rechts.

Weitere Informationen:
Quelle: IDW-Mitteilung der Universitätsklinik München-Grosshadern vom 25.08.2006

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