Kranke Menschen werden von Ängsten oft gequält, doch mit ihrem Leben sind sie oft zufriedener als Gesunde, so das Ergebnis einer Studie zur Lebensqualität von mehr als 10.000 chronisch kranken Patienten. 

Auszug aus der Süddeutschen Zeitung vom 8.10.2003:

"Eigentlich bin ich ein Glückskind - abgesehen davon, dass ich früh sterben werde". Sieben Jahre sind vergangen, seit bei Oliver Schultz Hodenkrebs entdeckt wurde und er einen seiner Hoden und einige Lymphknoten verloren hat. Zwar hat er oft Angst davor, dass seine Krankheit fortschreitet, aber mit seinem Leben ist der heute 32-Jährige rundum zufrieden.

Was vielen Gesunden merkwürdig anmutet, hat auch den Psychologen Peter Herschbach zunächst überrascht. Seit vielen Jahren untersucht der Experte für Krankheitsbewältigung die Lebensqualität von Menschen, die unter chronischen Krankheiten wie Krebs, Rheuma oder Diabetes leiden. "Diese Menschen sind im Durchschnitt nicht unglücklicher als Gesunde", sagte Herschbach vor kurzem, auf einem Symposium zur Psychologie chronischer Krankheiten in Hamburg. Zu diesem Schluss kam Herschbach, als er die Ergebnisse von 30 Studien analysierte, welche die Lebensqualität von mehr als 10000 Patienten untersucht hatten. Demnach scheinen manche Krebserkrankungen die Zufriedenheit sogar zu fördern: Die Patienten schätzen ihre Lebensqualität im Durchschnitt höher ein als die Normalbevölkerung.

Das scheinbar paradoxe Ergebnis lässt sich Herschbach zufolge erklären: "Durch die Erkrankung verändert sich das Weltbild eines Patienten grundlegend. Wenn das Schlimmste erst einmal überstanden ist, wird ein solcher Mensch demütiger und ist mit weniger zufrieden. Jemand, der dem Tod einmal ins Auge geblickt hat, lebt danach oft viel bewusster und freut sich intensiver über jeden Tag als unsereiner, für den sich ein Tag an den anderen reiht."

Krankheit beeinträchtigt einen Menschen eben nur in dem Maße, in dem sie subjektiv als Belastung empfunden wird - und das korreliert nur wenig mit der objektiv feststellbaren Schwere der Krankheit. Den größten Leidensdruck erleben Menschen mit psychosomatischen Erkrankungen. Wenn sich die Magenbeschwerden jeder Diagnose entziehen, leiden die Patienten sogar weitaus stärker als solche, die sich wegen eines Tumors gerade einer Magenoperation unterzogen haben.

Trotz aller Zufriedenheit: Natürlich haben auch chronisch kranke Menschen mit einer klaren Diagnose immer wieder schweren Leidensdruck. Oliver Schultz zum Beispiel wacht nachts häufig auf und wird dann von Panikattacken gequält: Was wird die nächste Untersuchung ergeben? Und könnten die Halsschmerzen, die ihn schon seit Wochen plagen, nicht auch Kehlkopfkrebs bedeuten?

Weil Ärzte häufig nur die Sorgen ihrer Patienten teilen und nicht deren Glück, kommen sie oft zu einer viel zu negativen Beurteilung. Dass zeigten Forscher vom Edward-Memorial-Hospital der Universität von West-Australien, als sie Krebspatientinnen mit guten Heilungschancen befragten: Zur Überraschung der Wissenschaftler empfanden die meisten der 200 Frauen mit Gebärmutter- oder Eileiterkrebs ihre Lebensqualität als unverändert gut oder beurteilten sie sogar besser als vor der Krebsdiagnose. Daran änderten auch unangenehme Nebenwirkungen und seelische Beeinträchtigungen nichts, wie etwa die Erkenntnis, keine Kinder mehr bekommen zu können. Die behandelnden Ärzte hatten die Lebensqualität ihrer Patientinnen dagegen meist als sehr gering eingeschätzt. "Solange wir sie nicht gezielt befragen", betont auch Herschbach, "sind unserem Einfühlungsvermögen in die Gefühlswelt eines Kranken Grenzen gesetzt."

Vor diesem Hintergrund verwundert es schon fast nicht mehr, dass es für manche Patienten nicht einmal eine Freude bedeutet, wenn sich plötzlich ihre Prognose verbessert: So sagt jeder dritte HIV-Infizierte, dass er nach dem Test glücklicker lebte, wie der Mediziner Joe Tsevat im Mai diesen Jahres auf einem Treffen von Internisten in Vancouver berichtete. Wenn neue Medikamente dann den Tod wieder in die Ferne rücken, kann das sogar Depressionen auslösen. "Lange Zeit habe ich in dem Gefühl gelebt, todgeweiht zu sein, und das hat meinem Leben gewissermaßen etwas Edles gegeben", sagt ein Betroffener. "Doch inzwischen ist mir klar, dass ich wohl doch nicht so bald sterben werde. Und nun muss ich mich plötzlich wieder mit so profanen Dingen wie dem richtigen Job befassen."

Wie relativ Glück ist, wird auch am Leben gesunder Menschen offenbar. Schon lange erforschen Psychologen wie Ed Diener von der Universität von Illinois, wodurch das subjektive Wohlbefinden eines Menschen beeinflusst wird. Immer wieder zeigt sich, dass äußere Faktoren dabei eine überraschend geringe Rolle spielen. So sind Menschen mit einem hohen Einkommen für gewöhnlich nicht glücklicher als der Durchschnitt.

Das Lebensglück liegt Glücksforschem wie Ed Diener zufolge vor allem in der Persönlichkeit eines Menschen: Gute Chancen haben extrovertierte, optimistische Charaktere, während sich eine materialistische Lebenseinstellung nachweislich negativ auswirkt. Ob Schicksalsschläge oder Lotteriegewinn: Spätestens nach drei Monaten Trauer oder Jubel kehren die meisten Menschen zu ihrem individuellen Level zurück.

Wenn Oliver Schultz sein Leben auf einer Skala von eins bis zehn beurteilen soll, dann kommt er bei aller Zukunftsangst und trotz körperlicher Beschwerden auf einen Wert von acht. Und wie war es damals, in jener unbeschwerten Zeit vor der ersten Diagnose? Er denkt eine Weile nach, dann sagt er: "Ich würde sagen, acht."

Quelle: Artikel "Chronisches Glück" - kranke Menschen werden von Ängsten gequält, doch mit ihrem Leben sind sie oft zufriedener als Gesunde". Süddeutsche Zeitung vom 8.10.2003, Seite 10. Autorin Birgit Will.
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