Über so eine Zeit hätte er früher mal müde gelächelt. Vorigen Sonntag, beim Marathon in Hamburg, zeigte die Uhr fünf Stunden und elf Minuten an, als Wolfgang Schwabe das Ziel erreichte. Trotzdem war der 55-Jährige, der die 42,195 Kilometer schon in deutlich weniger als drei Stunden geschafft hat, auch dieses Mal zufrieden mit sich und der Welt. "Für mich zählt nur noch das Ankommen", sagt der Nordstemmer, der an diesem Sonntag auch in Hannover an der Startlinie zum Marathon stehen wird.

Von einem Tag auf den anderen war für "Wolle", wie ihn seine Freunde nennen, Schluss mit der Jagd nach Bestzeiten und persönlichen Rekorden wie dem aus dem Jahr 1992 (2:51), gelaufen in Hannover. Um das verstehen zu können, muss man zurückblicken auf die Zeit Mitte der neunziger Jahre. Schwabe hatte gerade einen 20-Kilometer-Wettkampf in Suderburg absolviert, da wurde ihm urplötzlich hundsübel. Das war keinesfalls Ausdruck körperlicher Überforderung. Die Ärzte stellten bei ihm wenig später chronische myeloische Leukämie (CML) fest, eine heimtückische Krankheit mit denkbar schlechten Heilungsaussichten. "Vier Jahre haben sie noch", habe ihm damals der behandelnde Arzt ins Gesicht gesagt, "viele sind schon vorher tot."

Schwabe hat diese Worte noch deutlich in Erinnerung. "Da war erst mal Leere", sagt er. "Und dann brach eine Welt zusammen." Wozu dann überhaupt noch einen Gedanken verschwenden an den Sport? 1989 hatte Schwabe seinen ersten Marathon absolviert; auf 24 war die Zahl bis zu jenem Tag im November 1995 gewachsen, als die Diagnose CML sein Leben zu zerstören drohte. In Hannover wird er jetzt seinen 313. Wettkampf bestreiten, der 42 Kilometer oder länger ist; mancher Gesunde wäre glücklich, so etwas nur einmal im Leben zu schaffen, was der Mitarbeiter der VHV-Versicherung allein in diesem Jahr insgesamt 25-mal vorhat. Dass er die Krankheit überlisten konnte, sei nicht allein der Stammzellenbehandlung, der er sich nach zwei Chemotherapien 1996 unterzog, und eines neu herausgekommenen Medikaments zu verdanken, das er seit 2003 einnimmt. "Ich hatte nach der Chemotherapie immer noch keine Haare auf dem Kopf, da habe ich die Laufschuhe wieder angezogen", sagt Schwabe. Auch auf ausdrückliches ärztliches Zuraten hin: Tun Sie, was Spaß macht, sei ihm damals an der Medizinischen Hochschule empfohlen worden, sagt Schwabe.

Diese "Medizin" hat ihre besonderen Auswirkungen. Schnell zu laufen, wie er es früher konnte, dagegen rebellieren seine Blutwerte. Überhaupt zu laufen, das prägt Schwabes Lebensansporn entscheidend mit, seit im Juni 1998 in Gettdorf in Schleswig-Holstein seine Auszeit vom Sport zu Ende ging. Im Ziel habe er bitterlich geweint, sagt er. Wie auch zweieinhalb Jahre zuvor, als ihn die Nachricht ereilte, der Tod sei nicht mehr fern. Gettdorf war Marathon Nummer 25 für ihn – und der Vorsatz war gefasst, die 100 auf jeden Fall vollzubekommen. Das schaffte er am 5. Mai 2002 in Hannover, mit der Startnummer 100 und von Kollegen auf und an der Strecke gefeiert wie einer, der gerade Olympiasieger geworden ist.

"Auch wenn die Krankheit immer wieder durch den Kopf spukte: Ich wollte mich nicht hängenlassen", sagt Schwabe. Inzwischen macht sich er schon Gedanken darüber, welchen Ort er wohl für seinen 400. Marathon auswählen könnte. "Die vergangenen zehn, zwölf Jahre waren die schönsten in meinem Leben", sagt er. "Ich hätte das alles sonst nicht erlebt." Bis auf Australien und Südamerika hat er die ganze Welt kennengelernt und dazu viele Menschen, denen er sonst nie über den Weg gelaufen wäre. Über das Computernetzwerk der VHV berichtet er regelmäßig von seinen sportlichen Unternehmungen, und das Ergebnis bei seinen Kollegen ist nicht nur Respekt vor seinen besonderen Leistungen. Die Laufgruppe des Versicherungsunternehmens, angeführt von Schwabe, ist mittlerweile auf 60 Mitglieder gewachsen; so mancher wird wie Schwabe selbst an diesem Sonntag mit durch Hannover laufen – vorbei am Marathon-Kilometerpunkt 21 genau in Höhe des Firmensitzes an der Constantinstraße.

Doch der eigentliche Jahres-Höhepunkt folgt für Wolfgang Schwabe erst im Herbst: der Athen-Marathon. Die Legende besagt, dass vor genau 2500 Jahren ein laufender Bote namens Pheidippides die Nachricht vom Sieg der Griechen über die Perser in der Nähe von Marathon verkündete. Der Mann aus Nordstemmen will in Athen nicht fehlen. Als großer Sieger darf er sich schon lange fühlen, auch wenn er nie der Erste ist.

Quelle: Hannoversche Allgemeine Zeitung, 29. April 2010
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