Das Leben ist lang. Es reicht, um Blockflöte zu lernen und Kontrabass. Es reicht um in Neuseeland, Japan, Oldenburg und Köln zu leben. Es reicht, um zu heiraten, Kinder zu bekommen, sich scheiden zu lassen. Es reicht für viele Freunde, es reicht für Enkelkinder. Für eine Reihe von schlechten Tagen reicht es nicht. Gerhard Thomas hat Krebs. Genauer eine besondere Form von Leukämie. "Am Anfang dachte ich: das ist das Ende", sagt Thomas. Heute weiss er, dass Krebs nicht immer gleich tot sein bedeutet. "Ich kann alles machen, was ich früher auch gemacht habe", sagt der Rentner. Nur hinter seinen scheuen Augen, da ist etwas ganz anders geworden. "Ich denke nicht mehr, was in zehn Jahren sein wird. Ich denke nur im Augenblick. Nur da kann ich entscheiden", sagt er. Geholfen habe ihm das Programm des Haus Lebenswert in Köln, das mit Psychoonkologie seit zehn Jahren deutschlandweit ein einzigartiges therapeutisches Angebot für Krebspatienten anbietet.

Gerhard Thomas sieht aus wie ein Seebär. Vor ein paar Jahren noch hätte er Käpt’n Iglo doubeln können. Er hat kurzes weisses Haar und den Dreitagebart, den auf See sicher alle haben. Er ist viel rumgekommen. Eigentlich müsste der 66-jährige schon tot sein. "Im April haben mir die Ärzte noch ein bis zwei Monate gegeben.. Jetzt lebe ich schon ein Dreivierteljahr", sagt er. Es wäre übertrieben zu sagen, der Mann am Tisch klänge wie einer, der die Zeit besiegt hat. Für einen Gewinner guckt er zu scheu, seine Stimme klingt zu leise. Er hat die Zeit vielmehr ignoriert. Und das mag diese gar nicht.

Die Ruhe, die der Rentner vor sich ausbreitet wie eine Tischdecke, musste er sich erst erarbeiten. "Anfangs war das nicht so leicht", sagt der ehemalige Direktor einer Musikschule. Und wirklich kann man sich den Mann mit dem windzerfurchten Gesicht leicht als einen vorstellen, der sehr aktiv ist, dem es einst schwer fiel, still zu sitzen, der auch mal wütend sein konnte. "Wenn ich male, kann ich nicht gleichzeitig über meine Krankheit nachdenken", sagt Thomas. Sein Lächeln sieht weise aus und einbisschen spitzbübisch. "Ich habe mich ausgetrickst", sagt dieses Lächeln. Gerhard Thomas triumphiert über sich selbst.

Die Kunsttherapie helfe ihm, sein Trauma zu überwinden, das nach der Diagnose über sein Leben hereingestürzt ist. Zudem könne er Gefühle ausdrücken, für die ihm die Worte fehlten. Der Kunsttherapeut im Haus Lebenswert, Richard Berners, betont, dass die Maltherapie entspannend wirke. "Sie müssen sich vorstellen, wie sehr die Patienten beispielsweise bei einer Chemotherapie leiden. Da ist es wichtig, dass sie zur Ruhe kommen", sagt der 45 –Jährige, der die Kurse im Haus Lebenswert leitet. Ausserdem sei der soziale Aspekt nicht zu vernachlässigen. "Wer Krebs hat, wird aus dem Beruf, der Familie rausgerissen. Das Malen in der Gruppe führt den Patienten ins Leben zurück", erklärt Berners.

Die Sache mit den Gleichgesinnten empfindet Thomas als einen wichtigen Baustein auf seinem Weg zu einem lebenswerten Leben. "Ich sehe hier, ich bin kein Einzelfall", erzählt er. Das Bild einen bestraften, armen Individuums, das sich nach der Diagnose ins Bewusstsein schleiche, werde durch die Konfrontation mit dem Schicksal anderer sofort wieder hinausgeworfen. Thomas sagt, er hätte den Tod als einen teil vom Leben akzeptiert, der jeden irgendwann treffe: "Wenn ich über den Neumarkt gehe, dann fühle ich mich nicht mehr wie ein Aussätziger. Dann denke ich vielmehr: Hier laufen Menschen, die vielleicht vor mir sterben, es nur noch nicht wissen."

Gerhard Thomas sitzt im gelb gestrichenen Gesprächsraum des Hauses Lebenswert und sieht aus wie einer, der sich seit geraumer Zeit vor einem aggressiven Wesen versteckt. Er wirkt nicht ängstlich. Nur scheu. Er spricht nicht laut. Erlächelt viel. Für einen mit Seebärengesicht ist das ungewöhnlich. "Wie im Urlaub" fühle er sich, wenn er das Haus einmal wöchentlich zur Gesprächs-oder Kunsttherapie betrete. Thomas hat Freude an den Angeboten der Initiative. Hinter der Erhöhung der Lebensqualität schlummert dann aber doch der Wunsch nach mehr Zeit: "Eine Studie hat ergeben, dass Patienten, die psychologisch betreut werden, doppelt bis dreimal so häufig überleben als Untherapierte", sagt er, und in seinen dunklen Augen ist zum ersten Mal etwas wie Angriffslust zu sehen.

Uwe Schwarzkamp, Geschäftsführer der Initiative, will Thomas’ Hoffnungen bestätigen. "Amerikanische Studien behaupten, dass Psychoonkologie lebensverlängernd wirkt. Und ich bin geneigt, das zu glauben", sagt er. Die Diagnose Krebs sei heute, auch in unheilbaren Fällen, kein Todesurteil, das direkt vollstreckt würde. "Krebs ist heute eher ein chronischer Zustand. Der kann sich über Jahre halten", sagt Schwarzkamp. Oftmals währt er zu lange, um sich nur mit dem einen immer gleichen Thema , dem Sterben, zu beschäftigen. Deshalb ist Schwarzkamp überzeugt: "Die Zeit ist nicht allein entscheidend." Wichtig sei die Qualität des Lebens. Und die würde durch das psychoonkologische Programm entscheidend gefördert. Ein Jahr lang sollen die Patienten im Haus Lebenswert stabilisiert werden. Dannach seien sie meist in der Lage, sich einer Gruppe anzuschliessen. Gerade wer die Grenze des Lebens spüre, lebe intensiver, weiss Schwarzkamp. "Es ist faszinierend, welche Energie diese Menschen entwickeln. Hier haben viele den Gesundenetwas voraus."

Auch Thomas’ Leben hat sich nicht nur zum Negativen verändert. Der Musiker hat die Blockflöte wieder hervorgekramt, ab und an auch den Kontrabass, obwohl er nach seiner Pensionierung erst einmal nichts mehr mit Musik zu tun haben wollte. Er blickt zusammen mit seiner Exfrau zurück auf das gemeinsame Leben und "spielt alles noch mal durch". Er möchte gerne mal wieder nach Afrika reisen, er geniesst die Zeit mit den Enkeln. Er überlegt, was er mit seinen Kindern noch mal erleben, was er mit ihnen besprechen will. "Eigentlich sollte sich das jeder überlegen", so Thomas.

Der Seebär im orangefarbenen Pullover legt seine überraschend kleinen Hände in den Schoß. Er ist in Eile. Gleich hat er einen Therapietermin. Trotzdem sitzt er ganz ruhig und lässt sich noch auf einen kleinen Plausch ein über die Musik und Afrika. Als er doch aufsteht, wird klar, dass der Seebär ein kleiner Mann ist. Er ist schon spät dran, schlendert trotzdem gemächlich zur Türe. "Können Sie mir sagen, wie spät es ist? Ich habe keine Uhr."

Weitere Informationen:


LebensWert e.V.
Klinik I für Innere Medizin
Klinikum der Universität zu Köln
Joseph-Stelzmann-Str. 9
Tel: 0221/4786478
www.vereinlebenswert.de

Quelle: Magazin des Kölner Stadt-Anzeigers vom 26.02.2007
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