In Deutschland erkranken von 13 Millionen Kindern unter 15 Jahren etwa 600 jährlich neu an Leukämie. Zwischen 1992 und 2000 führte das Deutsche Kinderkrebsregister eine umfassende Fallkontrollstudie zu den Ursachen von Leukämien im Kindesalter durch. Ein im Deutschen Ärzteblatt erschienener Artikel fasst nun die Erkenntnisse zusammen. An Umweltfaktoren haben ionisierende Strahlung sowie vermutlich auch Pestizide und nichtionisierender Strahlung einen Einfluss auf das Kinderleukämierisiko. Die Hypothese, dass ein gut trainiertes Immunsystem einen schützenden Effekt vor Kinderleukämie hat, wurde teilweise bestätigt. Im Bereich der Lebensgewohnheiten der Familie wurden keine bedeutsamen Kinderleukämierisiken identifiziert. Das Down-Syndrom bestätigte sich als starker Risikofaktor. Auffällig war ein hohes Geburtsgewicht als Risikofaktor. Ein schützender Effekt des Stillens sowie durch Erkrankungen wie Heuschnupfen, allergisches Asthma oder Neurodermitis in der Familie wurde festgestellt.

Auszug aus der Zusammenfassung des Deutschen Ärzteblatts:


Während der Schwangerschaft

Das Zigarettenrauchen der Mutter während der Schwangerschaft sowie des Vaters vor der Konzeption war in der Studie der Autoren nicht mit dem Leukämierisiko des Kindes verbunden. Auch der Alkoholkonsum der Mutter während der Schwangerschaft hatte keinen Einfluss. 

Kein höheres Leukämierisiko zeigte sich auch für Kinder, deren Mütter vorher eine oder mehrere Fehlgeburten hatten. Im Gegensatz zu früheren Vermutungen zeigte sich kein höheres Leukämierisiko für Kinder von zum Geburtszeitpunkt älteren Müttern (älter 35 Jahre). 

Kinder von Müttern, bei denen trotz regelmäßigem Zyklus eine Sterilitätsbehandlung notwendig war, hatten ein tendenziell erhöhtes Leukämierisiko. 

Ein Zusammenhang mit Kinderleukämierisiko zeigte sich sowohl für Kinder mit einem höheren (mehr als 4 kg) als auch niedrigeren (kleiner 2,5 kg) Geburtsgewicht. Der Zusammenhang mit einem niedrigeren Geburtsgewicht war größtenteils auf ein verkürztes Gestationsalter (kalendarisches Alter des Neugeborenen ab erfolgter Befruchtung) und die damit verbundenen Komplikationen zurückzuführen. Während in der Literatur der Zusammenhang mit einem niedrigen Geburtsgewicht nicht bestätigt wird, erweist sich über die meisten Studien hinweg ein konsistenter Zusammenhang mit einem höheren Geburtsgewicht. Die beobachteten relativen Risiken für den Zusammenhang liegen aber in den meisten Studien nur zwischen 1,1 und 1,5. 

Kinder mit Trisomie 21/Down-Syndrom hatten in der Studie der Autoren und anderen Studien ein stark erhöhtes Leukämierisiko. Es wird geschätzt, dass etwa eines von 95 Kindern mit Trisomie 21 an einer Leukämie erkrankt.


Immunsystem

Obwohl die so genannte "Überhygiene" bei der Entstehung von Kinderleukämie eine populäre Arbeitshypothese ist, wurden in der Studie der Autoren keine überzeugenden Hinweise gefunden, dass ein verspäteter Kontakt des Kindes mit infektiösen Erregern, das heißt, weniger Infektionen im Säuglingsalter und vermehrt Infektionskrankheiten in späteren Jahren, mit Leukämieerkrankungen verbunden war. Kinder, die an einzelnen Kinderkrankheiten erkrankt waren, unterlagen in unserer Studie keinem erhöhten Leukämierisiko. Für Einzelkinder oder Erstgeborene zeigte sich im Gegensatz zu einigen früheren Studien keine Tendenz einer Risikoerhöhung. Das Stillen hatte, analog zu anderen Studien, einen tendenziell protektiven Effekt.

Zwar zeigte sich für Schutzimpfungen ein starker schützender Effekt, diesen führen die Autoren aber zum größten Teil auf einen Befragungsartefakt zurück: Eltern nicht erkrankter Kinder gaben im Fragebogen auch Impfungen außerhalb des eigentlich zu erfragenden Zeitraums an, wodurch es zu einer Überschätzung der Impfprävalenz unter den Kontrollkindern kam. Bei den Patienten konnten hingegen Prodromalerscheinungen der Krankheit dazu geführt haben, dass geplante Impfungen nicht erfolgten.

Allergische Erkrankungen des Kindes, und hierbei insbesondere atopische Erkrankungen wie Heuschnupfen, allergisches Asthma und Neurodermitis, könnten einen protektiven Effekt auf das Kinderleukämierisiko haben. Auch für (noch) allergiefreie Kinder mit atopischen Erkrankungen der Mütter war das Leukämierisiko etwas verringert. Zu diesem Befund liegen fast keine Ergebnisse anderer Studien vor. Der Zusammenhang könnte damit erklärt werden, dass Einflüsse auf das Verhältnis von T-Helferzellen Typ 1 und Typ 2 sowohl das Atopie- als auch das Kinderleukämierisiko modulieren. Zudem könnte die bereits erwähnte "Überhygiene" auch mit dem Atopierisiko in Zusammenhang stehen.


Berufliche Umweltbelastungen der Eltern

Die Literatur hinsichtlich der beruflichen Exposition der Eltern mit ionisierender Strahlung ergibt kein klares Bild. In der Studie der Autoren hatte eine Strahlenexposition des Vaters vor der Zeugung keinen Einfluss auf das Kinderleukämierisiko. Sie war jedoch – allerdings basierend auf kleinen Fallzahlen (n = 9) – mit dem Leukämierisiko bei Kindern bis zum 18. Lebensmonat assoziiert. 

Bei weiteren beruflichen Expositionen der Eltern zeigten sich für beide Elternteile Assoziationen in Bezug auf die Verwendung von Pestiziden. Da die meisten exponierten Eltern in der Landwirtschaft tätig waren, wäre es auch möglich, dass der der Assoziation zugrunde liegende Faktor in einer direkten postnatalen Exposition des Kindes [d.h. der Belastung des Kindes nach seiner Geburt] bestand. 

Dies wäre im Einklang mit den Beobachtungen der Autoren, dass ein schwach erhöhtes Leukämierisiko auch für häufigeSchädlingsbekämpfungen in der Wohnung und für eine Verwendung von Herbiziden in der Landwirtschaft ermittelt wurde. Einemütterliche Exposition mit Farben, Lacken, Fleckentfernern oder Färbemitteln im pränatalen Zeitraum führte ebenfalls zu einem schwach erhöhten Leukämierisiko. Bei einer postnatalen Exposition wurde dieser Zusammenhang nicht gesehen. Im Gegensatz zu einer großen amerikanischen Studie zeigte sich keine Assoziation mit einer mütterlichen Exposition gegenüber Lösungsmitteln.


Ionisierende und nichtionisierende Strahlung

Als gesicherter umweltbedingter Risikofaktor für Leukämien insgesamt sowie Leukämien im Kindesalter gilt ausschließlich ionisierende Strahlung. Röntgenuntersuchungen der Mutter während der Schwangerschaft oder des Kindes nach der Geburt waren in Studien in den 1940er- bis 1970er-Jahren häufig mit Kinderleukämien assoziiert. Analog zu anderen jüngeren Studien jedoch führten Röntgenuntersuchungen des Kindes in unserer Studie ebenso wenig zu einem erhöhten Leukämierisiko wie eine Strahlenexposition der Mutter während der Schwangerschaft. Dies ist möglicherweise auf die heutzutage niedrigeren Strahlendosen bei den Untersuchungen zurückzuführen und darauf, dass das Risiko für den Fötus durch ionisierende Strahlung inzwischen bekannt ist und auf Röntgenuntersuchungen während der Schwangerschaft weitgehend verzichtet wird.

In dem sich auf Niedersachsen beziehenden Studienteil wurden die häuslichen Radonkonzentrationen ein Jahr lang gemessen. Bei Expositionen über 70 Bq/m3 ergab sich kein Zusammenhang mit dem Kinderleukämierisiko. Dies schließt zwar einen Zusammenhang bei deutlich höheren Expositionen nicht aus, ist aber ein Hinweis, dass Radon in Deutschland höchstens für einen minimalen Anteil von Kinderleukämiefällen verantwortlich sein kann.

Im Bereich der nichtionisierenden Strahlung stand ein höheres Leukämierisiko bei Expositionen gegenüber Magnetfeldstärken (50 Hz) von über 0,4 µT im Einklang mit anderen internationalen Studien. Mittlere Magnetfeldstärken dieser Größenordnung finden sich in Deutschland in etwa jeder 500. Wohnung. Hauptursachen dafür sind nahe am Haus vorbeiführende Hochspannungsleitungen, Hausanschlüsse an das Stromnetz (beispielsweise Dachständer) oder die innerhäusliche Stromverteilung in Mehrfamilienhäusern. In unserer Studie hatten insbesondere Kinder, die während der Nacht einem Magnetfeld über 0,2 µT ausgesetzt waren, ein höheres Leukämierisiko. Die Ergebnisse können als Hinweis auf eine statistische Assoziation zwischen magnetischen Feldern und Leukämien im Kindesalter gewertet werden. Eine biologische Erklärung für diese Beobachtung ist unbekannt. Sollte die empirische Assoziation kausaler Natur sein, wären etwa ein Prozent aller Kinderleukämiefälle in Deutschland auf häusliche Magnetfeldexpositionen zurückzuführen. 


Über die Studie

Die Fallkontrollstudie setzte sich aus drei Teilstudien zusammen, deren Studienpopulationen teilweise überlappten. Durchgeführt wurde eine Fallkontrollstudie in den alten Bundesländern, eine Fallkontrollstudie in Niedersachsen und eine Fallkontrollstudie, die in eine Inzidenzstudie im Umkreis kerntechnischer Anlagen eingebettet war. In der bundesweiten Studie wurden alle Kinder aufgenommen, die vor ihrem 15. Geburtstag zwischen Oktober 1992 und September 1994 neu an einer Leukämie erkrankten und zum Diagnosezeitpunkt in den alten Bundesländern lebten. In allen drei Studien wurden Kontrollkinder zufällig aus den Daten der Einwohnermeldeämter ausgewählt. 82% der Familien leukämiekranker Kinder nahmen teil; bei den Kontrollfamilien waren es 70%. 

Quelle: Deutsches Ärzteblatt 102, Ausgabe 38 vom 23.09.2005, Seite A-2557 Autoren: Schüz, Joachim; Blettner, Maria; Michaelis, Jörg; Kaatsch, Peter (pdf-Datei)
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