Bei der Behandlung der chronisch lymphatischen Leukämie (CLL) hat es in den vergangenen Jahren große Fortschritte gegeben. Es wurde mit der Chemoimmuntherapie mit dem Antikörper Rituximab ein neuer Therapiestandard gesetzt und es gibt gute Hinweise darauf, dass sich die Fortschritte künftig weiter fortsetzen. Das könnte den Weg dazu bereiten, dass zumindest für einen Teil der Patienten aus der bislang unheilbaren Krankheit eine chronische Erkrankung wird, die ähnlich wie die HIV-Infektion zwar einer kontinuierlichen Behandlung bedarf, die aber sehr gut zu kontrollieren ist und die Lebensqualität wie auch die Lebenserwartung der Betroffenen kaum mehr beeinträchtigt.

 

Diese Einschätzung vertritt Professor Dr. Michael Hallek von der Klinik I für Innere Medizin der Universitätsklinik Köln. Was es konkret an Fortschritten gibt und was in den kommenden Jahren zu erwarten ist, erläuterte der Hämatologe anlässlich der 52. Jahrestagung der ASH (American Society of Hematology) in Orlando in einem Interview.

Herr Professor Hallek, Sie haben vor einem Jahr beim Kongress der ASH die Ergebnisse der CLL 8-Studie der Deutschen CLL-Studiengruppe vorgestellt. In der Studie wurde nachgewiesen, dass die Gabe des CD-20-Antikörpers Rituximab zusätzlich zu einer Chemotherapie mit Fludarabin und Cyclophosphamid die Überlebenszeit der Patienten signifikant verlängert. Wie sind diese neuen Ergebnisse, die jüngst im Lancet publiziert wurden, in die Klinik umgesetzt worden?

Professor Hallek: In der CLL 8-Studie wurde dokumentiert, dass die Behandlung mit Rituximab zusätzlich zu einer FC-Therapie im Vergleich zur alleinigen FC-Gabe die Qualität des Ansprechens verbessert und das progressionsfreie Überleben wie auch das Gesamtüberleben der Patienten mit CLL signifikant verlängert. Wir haben mit dem FCR-Schema einen neuen Therapiestandard bei der CLL gesetzt, der sich inzwischen auf internationaler Ebene durchsetzt. Eine aktuelle Nachauswertung der Studie hat kürzlich ergeben, dass die Überlebensvorteile bei Patienten in allen Binet-Stadien nachzuweisen sind. Allerdings muss man bedenken, dass in die Studie nur Patienten mit relativ gutem allgemeinem Gesundheitszustand und guter körperlicher Fitness aufgenommen wurden. Es handelt sich um Patienten, die keine ausgeprägte Komorbidität aufweisen.

Sie haben in der CLL 8-Studie auch zeigen können, dass bestimmte genetische Subgruppen der CLL-Patienten unterschiedlich von der Chemoimmuntherapie profitieren. Dies wurde in aktuellen Daten, die Ihre Arbeitsgruppe beim ASH 2010 vorgestellt hat, bekräftigt. Welche Konsequenz haben diese Ergebnisse?

Professor Hallek: In der CLL 8-Studie hat sich gezeigt, dass Patienten mit bestimmten genetischen Konstellationen wie zum Beispiel einer 17p-Deletion eine besonders schlechte Prognose aufweisen. Das wird die Behandlungsregime weiter verändern. Wir werden künftig bei solchen Patienten bereits frühzeitig eine Stammzelltransplantation in Erwägung ziehen müssen. Insofern hat die CLL 8-Studie eine neue Ära bei der Behandlung der CLL eingeläutet und die Tür aufgestoßen zu einer maßgeschneiderten, personalisierten Therapie der Patienten. Wir suchen derzeit nach weiteren molekularen Faktoren, mit denen sich vorhersagen lässt, ob ein hohes Risiko für ein Rezidiv besteht. Das betrifft rund 25 Prozent der CLL-Patienten. Wenn wir Marker kennen, um diese Patienten früh zu identifizieren, können wir in Studien prüfen, ob sich das Rezidivrisiko durch eine Intensivierung der Therapie, also zum Beispiel durch eine Erhaltungstherapie nach erfolgreicher Chemotherapie, minimieren lässt.

Die Ergebnisse der CLL 8-Studie betreffen die körperlich fitten Patienten. Wie steht es mit Patienten, die neben der CLL auch andere Erkrankungen aufweisen und bislang als „Slow-Go-Patienten“ für die Chemoimmuntherapie eingestuft werden?

Professor Hallek: Wir führen derzeit die CLL 11-Studie durch, in der genau dieser Fragestellung nachgegangen wird. Es ist oft problematisch, bei solchen Patienten eine Chemotherapie zu realisieren und es gibt bislang keinen adäquaten Therapiestandard. Wir werden im Rahmen der Studie prüfen, inwieweit sich bei Patienten mit eingeschränkter körperlicher Fitness die übliche Behandlung mit Chlorambucil durch die zusätzliche Gabe von Rituximab oder des neuen CD-20-Antikörpers GA101 optimieren lässt. Es handelt sich um eine dem klinischen Alltag entsprechende und auch um eine mutige Studie, da wir Patienten mit zum Teil ausgeprägter Komorbidität einschließen werden. Doch wir wollen gerade für diese Patienten, die letztlich die Mehrzahl der CLL-Patienten darstellen, ebenfalls Therapiefortschritte etablieren.

Was versprechen Sie sich von dem neuen Antikörper GA101?

Professor Hallek: Wir wissen aus Voruntersuchungen, dass bei der Gruppe der Patienten mit ausgeprägter Komorbidität rund 70 Prozent aufgrund der CLL versterben. Wir müssen also auch für diese Patienten Wege finden, die CLL zu kontrollieren. Dazu brauchen wir Wirkstoffe, die eine höhere Effektivität bei zugleich günstigerer Toxizität aufweisen. Genau dies erhoffen wir uns von GA101. Konkret erwarten wir uns von der Behandlung mit GA101 eine deutliche Zunahme der Ansprechraten und der kompletten Remissionen und auch eine deutliche Verlängerung der Überlebenszeit.

Wird die CLL damit bald heilbar sein?

Professor Hallek: Ob die CLL tatsächlich heilbar werden wird, lässt sich noch nicht sagen. Ich bin aber davon überzeugt, dass sich die CLL durch die neuen Behandlungsstrategien innerhalb der kommenden zehn Jahre zu einer gut kontrollierbaren Erkrankung entwickeln wird. Wir lernen derzeit sehr viel über die Grundlagen der Erkrankung und über deren molekularen Hintergrund. Die neuen Therapieregime sind sehr effektiv. Wir verstehen zunehmend, wie sie am besten genutzt werden können und wie sich durch eine Kombination der hochpotenten Wirkstoffe im individuellen Fall die besten Therapieergebnisse erzielen lassen. Ich bin sicher, dass die CLL in absehbarer Zukunft gut zu beherrschen sein wird. Das gilt sowohl für die körperliche fitten Patienten wie auch diejenigen mit Komorbiditäten. Denn die neuen Wirkstoffe sind so wenig toxisch, dass ihr Einsatz bei den meisten Patienten möglich sein wird. Die Behandlung wird eine Kombinationstherapie sein, die Antikörper mit einschließt, die sich zunehmend an den jeweiligen Stoffwechselwegen orientiert und bei der möglicherweise sogar gar keine Chemotherapie mehr erforderlich sein wird. Die Entwicklung dürfte in etwa der HAART-Therapie bei einer HIV-Infektion vergleichbar sein, bei der die Patienten auch lebenslang Medikamente einnehmen müssen, bei denen durch die Behandlung aber eine adäquate Krankheitskontrolle erreicht wird. Sie wird wahrscheinlich auch analog sein mit der Situation bei der chronisch myeloischen Leukämie, bei der sich in den vergangenen Jahren die Überlebenszeiten der Patienten dramatisch verbessert haben. Ich bin sicher, dass sich eine solche Entwicklung ebenso bei der CLL vollziehen wird, so dass die Erkrankung die Lebensqualität der Patienten kaum mehr beeinträchtigt und ihnen eine annähernd normale Lebenserwartung sichern wird.

 

Quelle: Journal Onkologie vom 21.01.2011

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