Gerade 13 Monate nach der Zulassung von Gleevec sind Krebsforscher auf der Spur von neuen, ähnlichen Behandlungsmethoden für Leukämieerkrankungen. Vier Unternehmen haben kürzlich Studien am Menschen über eine neue Klasse experimenteller Medikamente für Patienten mit Akuter Myeloischer Leukämie (AML) gestartet und ein Rennen begonnen, um mit neuen wirksamen Wirkstoffen gegen Krebs an den Markt zu gehen, so das Wall Street Journal (WSJ) in einem Artikel vom 13.6.2002.

Etwa 90% der Leukämiefälle bei Erwachsenen fallen in die Kategorie AML. Mehr als 80% der Patienten sterben nach Angaben des WSJ innerhalb von fünf Jahren. Die Forscher erwarten, daß die nun untersuchten neuen Medikamente vielen, wenn auch nicht allen, dieser Patienten helfen können.

Neuigkeiten über menschliche Studien sind in Berichten über Tierversuche mit zweien der Medikamente genannt, die am 18. Juni im Magazin "Cancer Cell" veröffentlicht wurden. Eine Veröffentlichung über ein drittes Medikament erscheint in der aktuellen Ausgabe des Magazins "Blood". Dass so viele Wirkstoffe bereits in Studien am Menschen untersucht werden, obwohl gerade erst die ersten Ergebnisse der Tierversuche publiziert wurden, belege, wie schnell sich die Krebsforschung bewege - und wie die Aufregung, die Gleevec erzeugt, dazu beitrage, das Interesse der Pharmaindustrie an den neuen Medikamenten zu stimulieren.

"Der Erfolg von Gleevec spielte wirklich eine größere Rolle, die Unternehmen, die in diese größeren klinischen Studien investieren, davon zu überzeugen, auch damit loszulegen," sagt Charles Sawyers, Professor über Medizin am Krebszentrum der Universität von Kalifornien in Los Angeles (UCLA) .

Wegen Ähnlichkeiten zwischen der fortschrittlichen Form chronischer Leukämie und dem akuten Beginn der Krankheit sind Forscher optimistisch, dass sich die neuen Wirkstoffe als wirksam erweisen. "Die Medikamente sehen nach den Tierversuchen sogar vielversprechender aus als damals Gleevec", sagt D. Gary Gilliland, ein Forscher der Harvard Medical School und dem Frauenkrankenhaus in Boston.

In der Geschichte der Krebsforschung gab es jedoch viele Beispiele von Wirkstoffen, die Labormäuse heilten, aber am Menschen scheiterten. Außerdem ist akute Leukämie genetisch komplexer als die chronische Art - ein Grund, warum die neuen Zusammensetzungen wahrscheinlich anfangs bei gerade 30% bis 40% der AML-Patienten angewendet werden können. Dr. Gilliland ist trotzdem sehr zuversichtlich: "Ich denke, dass diese Dinge funktionieren werden".

Die neuen Medikamente sind bekannt als FLT-3-Hemmstoffe und blockieren ein Enzym, das in einer mutierten Form eine kritische Rolle in Entwicklung von AML spielt. Sie werden sich von der Schweizer Novartis AG, die auch Gleevec vermarktet, von Millenium Pharmaceuticals Inc. (Cambridge, Mass., USA), Pharmacia Corp. (Peapack, NJ, USA) und Cephalon Inc. (Westchester, PA, USA) entwickelt.

Jeder Wirkstoff wurde schon im Rahmen anderer Krebsarten und bei Herzerkrankungen angewendet - in einigen Fällen mit beschränkter Wirkung. Kandidaten für die AML-Behandlungen wurden sie jedoch, als Tests zeigten, dass sie Potential gegen FLT-3 hatten. Tatsächlich hatten Novartis und Cephalon die Medikamente bereits in initialen Phase-I-Studien am Menschen untersucht und herausgefunden, daß sie frei von größeren toxischen Nebenwirkungen sind. Nach erfolgsversprechenden AML-Tierversuchen wurden die Wirkstoffe gleich in menschlichen Phase-II-Studien untersucht.

Donald Small, ein Wissenschaftler am Johns Hopkins Kimmel Krebszentrum in Baltimore, das Studien mitr Cephalons Medikament durchführt, charakterisierte das FLT-3-Gen als erster vor etwa einem Jahrzehnt. Anschließende Studien haben seine auffällige Rolle im Krankheitsverlauf der AML gezeigt. In einer mutierten Form läßt es einen zellularen Schalter, der das Zellwachstum steuert, permanent in "eingeschalteter Position", wodurch die Entwicklung der Leukämie verursacht wird.

Die direkte Verbindung zwischen dem genetischen Fehler und der Krankheit ist das, weshalb Wissenschaftler an die Erfolgsaussichten der Medikamente glauben, weil es den Fall Gleevec reflektiert. In beinahe allen CML-Patienten führt eine einzelne Mutation eines einzelnen Gens zum Ausbruch des Krebses, und Gleevecs Fähigkeit, seine schädlichen Wirkungen zu blockieren, erklärt, warum 50-60% der Patienten mit CML im fortgeschrittenen Stadium auf das Medikament ansprechen. Die Hoffnung ist daher, dass FLT-3 bei AML-Patienten ein ähnliches Ergebnis zeigt.

Dr. Gilliland hofft, dass die ersten Ergebnisse von des Medikaments von Novartis bis Ende des Jahres verfügbar sein sollten. Die Forscher erwarten jedoch, daß bei Studien, die nur ein einziges Medikament gegen Krebs verwenden, anfänglich eine starke Wirkung zeigen werden, dass der Krebs jedoch bei vielen Patienten später gegen das Medikament immun werde. Dies war auch bei Gleevec bei einigen Patienten in der akzelerierten Krankheitsphase der Fall: Resistenz entwickelte sich bei einigen fortgeschrittenen Patienten innerhalb von wenigen Monaten und bei mehr als 70% innerhalb von 18 Monaten nach Behandlungsbeginn.

"Es ist unwahrscheinlich, dass Krebs sehr gut mit gerade einem einzelnen Wirkstoff gegen ein einzelnes Ziel behandelt werden kann," sagt Craig Dionne, Vizepräsident der biologischen Forschung bei Cephalon.

Das ist der Grund, warum Forscher glauben, dass es sich letztendlich als Standardtherapie herausstellen könnte, die neuen spezifisch wirkenden Wirkstoffe in Kombination mit Chemotherapie oder eventuell anderen spezifischen Wirkstoffen zu verwenden. Es gäbe potentiell vier verschiedene Medikamente, die von leicht unterschiedlichen Richtungen wirken, so Dr. Sawyers. "Die Tumorzelle wird sehr clever sein müssen, um um eine Kombination von Hemmstoffen statt gerade einem herumzukommen". Wenn sich die Wirkstoffe als wirksam bei AML-Patienten mit der kritischen Mutation erweisen, könnten die Studien ausgedehnt werden, um zu untersuchen, ob sie auch bei anderen AML-Patienten funktionieren, sagt er.

(Übersetzung von jan aus dem Englischen, ohne Gewähr)

Quelle: 'Gleevec's Success Spurs New Cancer Drugs', Wall Street Journal, 13.6.2002, Seite 1 im Bereich "Marketplace".
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