Eine klinische Studie oder klinische Prüfung wird mit Patienten oder gesunden Probanden durchgeführt, um Medikamente oder bestimmte Behandlungsformen auf ihre Wirksamkeit und Sicherheit zu überprüfen.

Besonders in der Krebsforschung werden neue Wege für die Vorsorge, Diagnose und Entwicklung neuer Behandlungsformen und Medikamente zur Behandlung der verschiedenen Krebsarten gesucht. Diese Studien dienen den Wissenschaftlern gleichzeitig auch dazu, Einblicke für das Verständnis der biologischen Mechanismen der Krankheit zu erhalten und die medizinische Behandlung zukünftiger Patienten zu verbessern.

Klinische Arzneimittelstudien sind einer der letzten Schritte im Entwicklungsprozess von Arzneimitteln, beginnend im Labor, dann im Tierversuch zur Prüfung auf Unschädlichkeit und ggf. Wirksamkeit, und dann schließlich im Testeinsatz in der Klinik mit Menschen. Bei Arzneimittelstudien handelt es sich um einen wichtigen Schritt in der Entwicklung neuer Therapien, da klinische Studien den Wissenschaftlern die Möglichkeit geben, die korrekte Dosierung und Anwendung einer neuen Therapie oder Behandlungsform zu bestimmen, dessen Wirksamkeit im Menschen zu bestätigen sowie eventuelle Nebenwirkungen festzustellen. Gesundheitsbehörden benötigen die Daten klinischer Studien außerdem zur Beurteilung, ob neue Therapien zulassungsfähig sind, d.h. ob sie mindestens so sicher und wirksam, möglichst sogar sicherer oder wirksamer, sind als bereits existierende Therapien.

Der Erfolg klinischer Studien hängt von der Bereitschaft und vom Engagement der Ärzte, des Forschungsteams und der Patienten in gleicher Weise ab. Aus diesem Grund ist es ausgesprochen wichtig, den Ablauf klinischer Studien zu kennen und über die Vorteile und Risiken einer Teilnahme an derartigen Studien aufgeklärt zu werden.

Phasen klinischer Krebsstudien

Die Forschung nach neuen Krebsbehandlungsmethoden unterteilt sich in vier verschiedene Phasen. In jeder Phase sind die Fragestellungen auf die Sicherheit und Wirksamkeit des untersuchten Medikaments ausgerichtet. Dabei beobachten die Ärzte Wirkungen und Nebenwirkungen, um die Sicherheit des jeweiligen Medikaments zu bestätigen. Krebsstudien unterscheiden sich von den meisten Arten anderer klinischer Studien. Da die Art der Krankheit in jedem Falle eine Behandlung erfordert und die Ergebnisse vergangener Forschungen eine derartige Vorgehensweise bestätigt haben, werden bei den Studien zur Krebsbehandlung neue Behandlungsmethoden mit bereits etablierten Therapien (d. h. der zum jeweiligen Zeitpunkt bestmöglichen Behandlungsart) verglichen. Vergleiche mit Placebos (Zuckertabletten) werden bei Studien zur Krebsbehandlung nur dann angewandt, wenn keine wirksamen Behandlungsalternativen bestehen.

Jede Phase der klinischen Studien hängt von den Forschungsergebnissen der vorangegangenen Phase ab und baut auf dieser auf, so dass die in Phase I getestete Behandlung nur zur nächsten Phase übergeht, wenn sich herausgestellt hat, dass diese mindestens so sicher wie der derzeitige Behandlungsstandard ist. Diese Daten werden von Untersuchungsausschüssen überarbeitet und genehmigt, bevor die weiteren Forschungsphasen beginnen können.

Phase-I-Studien

Ein typischer Wirkstoff hat, bevor er in die erste klinische Studienphase (Phase I) geht, also vor dem ersten Einsatz im Menschen, schon etwa ein Jahrzehnt vorklinischer Studien durchlaufen.

Bei den Studien der Phase I bestimmen die Ärzte die geeignete Dosis und Verabreichungsform eines Medikaments (Tablette, Kapsel, Flüssigkeit, Spritze usw.) an einer normalerweise begrenzten Anzahl von Patienten (manchmal auch nur zwölf Personen). In dieser Phase bestimmen die Wissenschaftler die Verträglichkeit des Medikaments und überwachen sämtliche schädlichen Nebenwirkungen. Auch wenn zu diesem Zeitpunkt schon einige Daten über die Wirksamkeit gesammelt werden können, findet die eigentliche Bewertung der Wirksamkeit erst in Phase II statt. Üblicherweise nehmen 20-80 Patienten an einer Phase-I-Studie teil.

Phase-II-Studien

Bei den Studien der Phase II wird die Sicherheit des Medikaments weiter erforscht, aber auch seine Wirksamkeit bewertet. Während dieser Phase ermitteln die Ärzte, wie das Medikament wirkt und welche Auswirkungen es auf den Körper hat. Den Patienten wird die maximal verträgliche Dosis verabreicht (die höchstmögliche Dosis mit den geringsten Nebenwirkungen, wie in den Studien der Phase I bestimmt), und die Ärzte untersuchen, ob sich der Tumor verkleinert oder die Krebszellen abnehmen oder gar verschwinden. An Studien der Phase II können Gruppen von 50 bis 200 Patienten teilnehmen. Im allgemeinen werden die Gruppen nach Kriterien wie Alter, Geschlecht und Krankheitsstadium gebildet .

Phase-III-Studien

Bei den Studien der Phase III werden weitergehende, tiefgreifendere Informationen zur Sicherheit eines Medikaments und seiner Wirksamkeit im Vergleich zu bestehenden Standardbehandlungsmethoden bzw. Suggestionsmitteln gewonnen. Bei den Phase-III-Studien der Krebsforschung werden jedoch nur dann Placebos verwendet, wenn keine Standardbehandlungsmethoden existieren oder das Medikament an Patienten getestet wird, die bereits eine Standardbehandlung abgeschlossen haben bzw. bei denen die Standardbehandlung erfolglos war (Refraktärpatienten) und keine weiteren Behandlungsalternativen bestehen.  Die Patienten dieser Studien werden im allgemeinen zufällig einer von mindestens zwei Gruppen zugeteilt:

  • Therapiegruppe(n): Eine oder mehrere Gruppen erhalten eine neue, in Prüfung befindliche Therapie
  • Kontrollgruppe: Diese Gruppe erhält entweder eine Standardbehandlung oder, falls keine andere Behandlung möglich ist (und nur dann), ein Placebo (Zuckertablette).

Beide Gruppen werden nachverfolgt und verglichen um festzustellen, ob die Behandlung der Verumgruppe (also derjenigen Patienten, die das wirkstoffhaltige Medikament bekommen) besser war (oder nicht) als die der Kontrollgruppe.

An den Studien der Phase III können Hunderte, in manchen Fällen sogar Tausende von Patienten teilnehmen, je nachdem, welche Krankheit erforscht wird und wie die Studie ausgelegt ist. Aus Phase-III-Studien müssen statistisch bedeutsame klinische Daten für ein Medikament hervorgehen, damit diese Daten dann an die weltweiten Gesundheitsorganisationen weitergeleitet und die Zulassunng zur Vermarktung des Produkts erlangt werden kann. Normalerweise werden diese Studien an mehr als nur einer Stelle gleichzeitig durchgeführt (= multizentrische Studie), sehr oft auf internationaler Basis, z. B. in Arztpraxen, Polikliniken und Krankenhäusern.

Phase IV Studien

Studien der Phase IV werden durchgeführt, wenn ein Hersteller oder selbstständiger Wissenschaftler die Wirksamkeit eines Medikaments unter einem anderen medizinischen Gesichtspunkt oder für eine andere als die von den Gesundheitsbehörden genehmigte Krebsart testen will, d. h. eine neue Anwendungsform erstellt bzw. eine andere Indikation erarbeitet werden soll, als die, für die das Medikament ursprünglich erforscht und zugelassen wurde. Diese Studien geben den Ärzten die Möglichkeit, tiefere Einblicke in die Anwendung eines Medikaments zu bekommen.

Prüfplan / Studienprotokoll

Vor der Durchführung einer Studie wird vom Leiter der Studie, oft einem Arzt, ein Studienablaufplan, ein sogenanntes Protokoll erstellt. Das Protokoll beschreibt die Ziele bzw. den Zweck der Studie, die Behandlung (Medikament, Dosierung etc.), die einzuschließende Anzahl von Patienten und die wissenschaftliche Begründung, warum die einzelnen im Protokoll aufgeführten Zielpunkte untersucht werden sollen, die Ein- und Ausschlusskriterien für Patienten, die Visitenplanung sowie die Abbruchkriterien.

Jeder an der klinischen Studie teilnehmende Arzt muss sich genau an das Protokoll halten. Das Studienprotokoll muss von Behörden genehmigt werden.

Sponsoren / Träger

Die erheblichen Kosten klinischer Studien werden von sogenannten Sponsoren als Träger der Studie übernommen, die aus unterschiedlichen Motiven Interessen mit einer Studie verbinden. Der Sponsor einer klinischen Studie ist für den organisatorischen Ablauf zuständig. Er trägt alleine und ausschließlich die Gesamtverantwortung und somit das Risiko.

Sponsoren klinischer Studien können die pharmazeutische Industrie, Universitätsinstitute und angegliederte Forschungseinrichtungen sowie staatliche, halbstaatliche und sonstige gemeinnützige Einrichtungen des Gesundheitswesens sein. Nichtkommerzielle klinische Prüfungen werden oft auch wissenschaftsinitiierte Studien (Investigator Initiated Trials) genannt. Sie unterliegen den gleichen gesetzlichen Bestimmungen wie Studien pharmazeutischer Unternehmen.

Sicherheit von Studienteilnehmern

Studien werden in einem gesetzlich und behördlich streng kontrollierten Umfeld durchgeführt. Es sind mehrere Stufen von Sicherheitsvorkehrungen vorgesehen, die das Wohlbefinden jedes einzelnen Teilnehmers von Studien gewährleisten:

Studien dürfen nur von qualifizierten Leitern einer klinischen Prüfung (Prüfarzt) durchgeführt werden. Für Arzneimittelstudien müssen eine Genehmigung der zuständigen Bundesoberbehörde (in Deutschland das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte BfArM bzw. das Paul-Ehrlich-Institut PEI) und ein positives Votum der unabhängigen Ethikkommission(en) sowie eine Probandenversicherung vorliegen.

Eine Ethikkommission ist ein unabhängiges Gremium aus im Gesundheitswesen und in nichtmedizinischen Bereichen tätigen Personen, dessen Aufgabe es ist, den Schutz der Rechte, die Sicherheit und das Wohlergehen von Studienteilnehmern sicherzustellen, indem es unter anderem zu dem Prüfplan, der Eignung der Prüfärzte, der Aufklärung potentieller Teilnehmer und dem dabei verwendeten Informationsmaterial Stellung nimmt. Hauptaugenmerk der Prüfung durch die Ethikkommission liegt auf ethischen Gesichtspunkten und dem Schutz der Studienteilnehmer.

Patienteninformation und Einverständniserklärung

Die sogenannte Patienteninformation und Einverständniserklärung vermittelt den Patienten in schriftlicher Form die wichtigsten Informationen zur Studie. Es wird vorausgesetzt, dass Ärzte den Inhalt dieser Aufklärung zusammen mit den an einer Studie teilnehmenden Patienten besprechen. In der Patientenaufklärung werden die Ziele, die zu erwartenden Vorteile, bekannte Risiken und die Verpflichtungen des Patienten im Rahmen der Studie beschrieben. Diese wird von der Ethikkommission geprüft und freigegeben. Die Patienten müssen eine Einverständniserklärung unterschreiben, wenn sie bereit sind, an der Studie teilzunehmen.

Fahrtkosten

Manchmal ist das Studienzentrum weiter entfernt oder es sind gegenüber der Standardtherapie aufgrund engmaschigerer Verlaufskontrolle häufigere Untersuchungstermine erforderlich. Bei manchen Studien gibt es daher die Möglichkeit, dass vom Träger der Studie ein Teil der Fahrtkosten, die durch die Teilnahme an einer Studie entstehen, erstattet werden können. Dies ist bei manchen, aber nicht allen Studien der Fall.

Allgemeine Begriffe in der Beschreibung von klinischen Studien

  • Randomisiert: Eine Methode, bei der Studienteilnehmer zufällig einer bestimmten Behandlungsgruppe zugeordnet werden, ähnlich dem Wurf einer Münze.
  • Einfachblind / Single-Blind: Studien, bei denen die Teilnehmer die Behandlungsgruppe erst am Ende der Studie erfahren, während die Ärzte schon bei Beginn der Studie in Kenntnis gesetzt werden.
  • Doppelblind: Weder Patienten noch Ärzte wissen, welche Studienteilnehmer die Studientherapie bzw. einer Standardtherapie erhalten.
  • Unverblindet / Open-Label: Eine Studie, bei der sowohl der Arzt als auch der Patient die Behandlungsart des Patienten kennt.
  • Placebokontrolliert: Studie, bei der die eine Gruppe das experimentelle Arzneimittel, die Kontrollgruppe hingegen ein Placebopräparat (Zuckertablette) erhält, um den so genannten  Placeboeffekt  herauszufiltern. Darunter versteht man Veränderungen des Befindens und der messbaren körperlichen Funktionen, die unter jeder Behandlung auftreten können, also sowohl nach Gabe eines wirkstoffhaltigen Medikaments als auch bei einer Scheinbehandlung (Placebo).
  • Multizentrisch: Hierbei handelt es sich um Studien, die an mehreren verschiedenen Zentren durchgeführt werden.
  • Multinational: Die Studien werden in mehreren Ländern durchgeführt.
  • Protokoll: Der Ablaufplan der klinischen Studie, in dem die Schlüsselpunkte der Studie definiert sind.

Mögliche Fragen an den Arzt vor der Teilnahme an klinischen Krebsstudien

Fragen zum besseren Verständnis in Frage kommender Studien

  • Welche existierenden klinischen Studien könnten für mich in Frage kommen?
  • Welche Studien eignen sich am besten für meine Bedürfnisse/Krankheit/Situation?
  • Was ist der Zweck der Studie?
  • In welcher Phase befindet sich die Studie?
  • Warum halten die Prüfärzte diesen Ansatzpunkt für wirksam?
  • Wie lange dauert die Studie?
  • Wie werden die Studienergebnisse und die Sicherheit der Teilnehmer kontrolliert?
  • Kann ich meine normale medizinische Behandlung während der Studie fortsetzen?
  • Warum soll ich an der Studie teilnehmen, wenn auf dem Markt andere Medikamente zur Verfügung stehen?
  • Wer entscheidet, ob mir die neue bzw. die etablierte Therapie verabreicht wird?
  • Wer finanziert die Studie?
  • Welche Ergebnisse sind aus früheren Studien bekannt?

Lebensqualität während der Studie

  • Verlängert, verbessert oder verschlechtert sich mein Leben durch eine Teilnahme an dieser Studie?
  • Welche möglichen Nebenwirkungen gibt es?
  • Welchen Untersuchungen muss ich mich während der Studie unterziehen?
  • Ist die Behandlung schmerzhaft, und wenn ja, wie sehr und wie lange?
  • Wie kann sich die Teilnahme an der Studie auf meine normale Lebensqualität auswirken?
  • Kann ich mit anderen Studienteilnehmern sprechen?

Eigene Verantwortung

  • Welche Verpflichtungen übernehme ich durch meine Teilnahme?
  • Entstehen für mich Kosten durch die medizinische Behandlung im Rahmen der Studie?
  • Können Fahrtkosten zum Studienzentrum ersetzt werden?
  • Wieviele Studienvisiten sind erforderlich?
  • Was passiert, wenn ich aus der Studie austreten möchte?

Betreuung

  • Wer hat das Studienprotokoll überprüft und genehmigt?
  • Wer betreut mich im Rahmen der Studie?
  • Werde ich weiterhin von meinem behandelnden Onkologen betreut?
  • Was passiert nach Ablauf der Studie - werde ich weiterhin mit dem Medikament versorgt werden?
  • Wo erfolgt die medizinische Behandlung? 

Weitere Informationen

Die Broschüre „Soll ich an einer klinischen Studie teilnehmen?“ des Kompetenznetzes Akute und chronische Leukämien, des Kompetenznetzes Maligne Lymphome e.V. und der Stiftung Deutsche Leukämie- & Lymphom-Hilfe wendet sich an Patienten, die eine Studienteilnahme in Betracht ziehen und sich im Vorfeld über die Gründe, Rahmenbedingungen und Abläufe von Therapiestudien informieren möchten. Erläutert werden die Phasen klinischer Studien im Rahmen der Arzneimittelentwicklung, wie auch das Thema Patientensicherheit. Ein eigenes Kapitel widmet sich der Entscheidungsfindung. Die Broschüre ist hier als PDF verfügbar.

Unser Buch

Unser Buch "Manchmal ein Kunststück: 16 Drahtseilakte des Lebens mit Leukämie" porträtiert auf 128 Seiten sechzehn Menschen mit CML in Wort und Bild. Nun erhältlich!Buch "Manchmal ein Kunststück"