Imatinib (Handelsname Glivec, vor der Zulassung als Medikament auch unter der Bezeichnung STI-571/CGP57148 bekannt) ist der erste klinisch erprobte, zugelassene und auf dem Markt erhältliche, Tyrosinkinasehemmer. Imatinib ist unter anderem für die Behandlung von CML-Patienten in allen Phasen der Krankheit  zugelassen. In klinischen Studien und der praktischen Anwendung hat sich Imatinib als allgemein gut verträglich, d.h. mit meist nur geringen Nebenwirkungen, erwiesen.

Der Wirkstoff Imatinib blockiert die bei CML außer Kontrolle befindliche Zellteilung und bewirkt den Zelltod in Leukämiezellen, die gegenüber normalen, gesunden Zellen das Philadelphia-Chromosom aufweisen (d.h. das BCR-ABL Gen). BCR-ABL wird als ursächlich für die Chronische Myeloische Leukämie (CML) angesehen.

Unbehandelt verläuft eine Chronisch-Myeloische Leukämie (CML) meist tödlich. Die allogene Stammzelltransplantation (SZT) ist bisher die einzige Behandlungsoption mit Aussicht auf eine Heilung, doch steht nicht allen Patienten ein passender Spender zur Verfügung, und die Therapie ist mit einem beträchtlichen Sterblichkeits- und Zweitkrankheitsrisiko verbunden. Unter Imatinib können die meisten Patienten, die in chronischer Phase behandelt werden, eine gute Remission und ein langfristiges Stoppen des Erkrankungsfortschritts erreichen.

Nebenwirkungen

Imatinib wird im allgemeinen gut toleriert. Nebenwirkungen sind meist gering ausgeprägt und gut tolerabel. Häufig sind milde Übelkeit, Flüssigkeitsansammlungen (Ödeme) Muskelkrämpfe und Hautreizungen. Die Verträglichkeit von Imatinib wird verbessert durch Einnahme zu oder nach einer Mahlzeit. Höhere Dosen über 400mg/Tag können auf zwei Einnahmezeitpunkte verteilt werden. Symptomatisch können bei Flüssigkeitsansammlungen Entwässerungsmedikamente (Diuretika) eingesetzt werden. Beu Muskelkrämpfen helfen manchmal bereits kleine Dosen von Chinin, z.B. durch Trinken von Tonic-Water oder Bitter Lemon mehrmals täglich. Juckende Hautreizungen können durch Kortikosteroide eingedämmt werden. Eine kurzfristige Therapieunterbrechung kann bei nicht tolerierbaren Nebenwirkungen erforderlich sein.

Zum Management von Imatinib-Nebenwirkungen können folgende Arzneimittel eingesetzt werden:

NebenwirkungMögliche Therapie
Übelkeit / Erbrechen
  • Einnahme nach dem Essen
  • Dosis auf 2 Gaben/Tag aufteilen
  • Antiemetika (bevorzugt Metoclopramid, Paspertin)
Diarrhö / Durchfall Loperamid 2mg p.o. nach jedem Stuhlgang, bis zu 16mg/Tag
Hautrötung Starke Sonnenstrahlung vermeiden
Dermatitis Topische Steroide (z.B. 0,1% Triamcinolon-Creme)
Muskelkrämpfe
  • Calcium
  • Elektrolytsubstitution
  • Tonic-Water (Chinin)
  • Magnesium (Mg2+)
Knochenschmerzen COX2-Inhibitoren (z.B. Celecoxib 200mg p.o.)
Leberfunktionsstörungen Imatinib-Pause, Wiedereinnahme nach 1-2 Wochen, Dosisreduktion erwähen (nicht unter 300mg/Tag)
Ödeme Diuretika
Myelosuppression
· Anämie ggf. Erythropoietin
· Neutropenie ggf. G-CSF
· Thrombozytopenie Imatinib-Pause bei Thrombozyten unter 50.000/µl, ggf. Dosisreduktion erwägen (nicht unter 300mg/Tag)


Imatinib darf nicht in der Schwangerschaft eingenommen werden, da es irreversible Entwicklungsstörungen des Fötus hervorrufen kannm. Ein negativer Einfluss auf die Spermabildung ist nicht bekannt; dennoch wird davon abgeraten, unter Imatinib Kinder zu zeugen.


Keinesfalls sollte Imatinib in einer täglichen Dosis unter 300mg eingenommen werden, da dies die Entwicklung von Resistenzen fördern kann.

Wechselwirkungen


Imatinib (Glivec) wird über die Leber in andere Stoffe umgewandelt (metabolisiert) und aus dem Körper ausgeschieden. Dabei sind verschiedene Abbauwege / Enzyme in der Leber beteiligt (Cytochrom P450-Enzyme, CYP2C9, SYP2D6 und CYP3A4/5). Zu beachten ist, dass zahlreiche Medikamente den Abbau von Imatinib stören können oder dass Glivec den Abbau anderer Medikamente beeinflußt. Daher ist streng darauf zu achten, dass alle anderen Medikamente sehr sorgfältig zu prüfen sind, die mit gleichzeitiger Imatinib-Einnahme von Ihren Ärzten verordnet werden. Dazu gehören Marcumar, Paracetamol, das z.B. in Grippe-Medikamenten enthalten sein kann, Beruhigungsmittel, Antibiotika, Fettstoffwechsel-Medikamente, u.a. Auch Grapefruit-Saft oder Johanniskraut kann die Ausscheidung von Glivec beeinflussen und sollte vermieden werden.

Die folgende Tabelle stellt Arzneimittel dar, von denen eine Interaktion mit Imatinib bekannt ist.


Arzneimittel, die den Plasmaspiegel von Imatinib evtl. erhöhenKommentar und mögliche Anwendungsbereiche
Clarithromycin Chemotherapeutikum zur Behandlung der atypischen Mykobakteriose u.a. bakterieller Infektionen
Erythromycin Makrolid-Antibiotikum, das gegen zahlreiche Bakterienarten wirksam ist.
Itraconazol Antimykotikum, das u.a. bei Candida-Mykosen, Aspergillose und Histoplasmose angewendet wird
Ketoconazol Antimykotikum, das z.B. bei Candida-Mykosen angewendet wird.
Grapefruit-Saft Grapefruit-Saft kann die Ausscheidung von Glivec beeinflussen und sollte vermieden werden

Arzneimittel, die den Plasmaspiegel von Imatinib evtl. verringernKommentar und mögliche Anwendungsbereiche
Carbamazepin Medikament gegen Anfälle (Antiepileptikum), das z.B. bei zerebralen Krampfanfällen und bei Neuropathie angewendet wird
Dexamethason Medikament (Cortison), das u.a. bei lebensbedrohlichem Hirnödem (z.B. in der akuten Phase einer Toxoplasmose-Enzephalitis) angewendet wird.
Johanniskraut Johanniskraut beschleunigt den Abbau von Glivec, wodurch letzteres unwirksam werden könnte
Phenobarbital Eines der ältesten, günstigsten und weltweit am häufigsten verwendeten Medikamente zur Behandlung von Epilepsie
Phenytoin Gegen Krampfanfälle eingesetztes Medikament (Antiepileptikum)
Rifampicin Medikament gegen Tuberkulose (Tuberkulostatikum), das auch gegen Mycobacterium-avium-Komplex angewendet wird

Arzneimittel, deren Plasmaspiegel durch Imatinib evtl. erhöht werdenKommentar und mögliche Anwendungsbereiche
Cyclosporin Cyclosporin A (= Ciclosporin A) ist ein Medikament, das vor allem zur Unterdrückung des Immunsystems nach Transplantationen eingesetzt wird. Es verhindert Abstoßungsreaktionen
Dihydropyridin
HMG-CoA-Reduktase-Inhibitoren (z.B. Simvastatin)
Paracetamol
Pimozid Neuroleptikum, hat ausgeprägte antipsychotische und psychomotorisch dämpfende Wirkung
Triazol-Benzodiazepine Gegen Epilepsie wirksame Medikamente
Warfarin, Phenprocoumon Blutverdünnende Medikamente


Informieren Sie bitte Ihren Arzt, wenn Sie andere Arzneimittel nehmen oder vor kurzem genommen haben. Dies gilt auch für solche Arzneimittel, die Ihnen nicht von einem Arzt verschrieben wurden. Das schließt Schmerzmittel oder Erkältungspräparate sowie pflanzliche Arzneimittel ein. Bitte besprechen Sie mit Ihrem Onkologen alle möglichen Begleitmedikamente und lesen Sie sorgfältig die Packungsbeilage zu Glivec, die wichtige Informationen enthält.

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